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Man's World Stories

Spannende Geschichten, interessante Reportagen und News aus Man's World Perspektive.

20.12.2016
Macher an der Man's World

„Im Gegensatz zu Whisky ist Gin kein reines Männerprodukt“

Foto: Sandro Baebler

Am Zürcher Hauptbahnhof steig ich ins 3er-Tram. Ich fahr vorbei an Stauffacher und Lochergut. Als ich aussteige, sind die Stadtbauten kleinen Einfamilienhäusern gewichen: Albisrieden. Ich folge der Wegbeschreibung ins Quartier. Als ich bei der angegebenen Adresse ankomme, wischt ein älterer Herr Laub zusammen. Schweiz-Idylle. „Bin ich hier richtig bei Turicum Gin?“, frage ich zweifelnd. Der alte Mann lächelt: „Jaja, einfach ums Haus.“ Ich verabschiede mich, er wünscht mir einen guten Tag. Ich biege um die Ecke und klingle. „Better Taste GmbH“ steht auf dem Schild daneben.

Zürich, das ist in erster Linie Hauptbahnhof und Bahnhofstrasse, Niederdörfli und Langstrasse, Nachtleben und Kultur und Shopping und Bankenplatz und Prime Tower. Doch Zürich ist eben auch Albisrieden und Üetliberg. Kosmopolitisch und urban auf der einen, traditionell und idyllisch auf der anderen Seite.

 „Wir sind Jungs aus Zürich, die in Zürich einen Gin aus Zürich herstellen.“

 Ob das der Grund ist, warum Zürich Tourismus an ihren Promo-Events, ob in München oder London, regelmässig zu einer Flasche Turicum Gin greifen? Die verschiedenen Seiten der Stadt, Tag und Nacht, gemischt und destilliert zu einer würzigen Spirituose mit 41.5 % Alkoholgehalt? „Wir sind Jungs aus Zürich, die in Zürich einen Gin aus Zürich herstellen. “, meint Oscar „Osci“ Martin, als wir uns am Meetingtisch niedergelassen haben, der im Showroom steht, beziehungsweise im Büro – kommt ganz drauf an, in welche Ecke des 15 Quadratmeter grossen Raumes man schaut. Osci ist einer der vier Firmengründer und fürs Marketing zuständig, „Solche Kooperationen sind für uns natürlich wertvoll. Für die Werbung, für den Verkauf und durch den Barbetrieb, den wir dann meistens auch noch machen, verdienen wir noch was zusätzlich.“


Das Turicum Team v.l.n.r.: Philip Angst, Merlin Kofler, Oliver Honegger, Oscar Martin

Turicum Gin mag als Schnapsidee unter Freunden begonnen haben, die sich im Zürcher Nachtleben kennengelernt haben. Doch die Schnapsidee ist alles andere als unausgegoren. Der erste Batch von 1000 Flaschen wurde nicht einfach verkauft, sondern die ersten 100 Flaschen versteigert. Das ist jetzt gerade mal eineinhalb Jahre her. Mittlerweile werden rund 2000 Flaschen monatlich abgefüllt. „Natürlich sind wir alle grosse Gin-Fans. Deswegen bemerkten wir vor drei Jahren auch: Es gibt keinen Stadtzürcher Gin. Gleichzeitig hatten Merlin (Kofler, Geschäftsführer) und Oli (Honegger, der eigentliche Brennmeister) gerade einen Kurs über die Gin-Herstellung absolviert. Das Wissen und die Marktlücke waren da.“ Und so wurde kurzerhand die erste Spirituosen Destillerie in der Geschichte der Stadt Zürich gegründet.

 „Die Bars bestimmen über unser Trinkverhalten.“

 Wir erinnern uns an die Wochenenden unserer Jugend. Trinken war angesagt und dabei ging es uns, seien wir ehrlich, weniger um Qualität als um Quantität. Trinken war in erster Linie Betrinken und so kümmerten wir uns auch wenig drum, was da genau für ein Alkohol in unsere Drinks gekippt wurde. Doch diese Zeiten sind – Gott sei Dank! – vorbei. Das findet auch Osci: „Vor 10 Jahren fandest du in einer Bar einen, maximal zwei Standard-Gins. Dann wurden es immer mehr und das färbte auch auf die Endkonsumenten ab. Die Bars bestimmen über unser Trinkverhalten.“

Gin ist (wieder) in und muss sich neben den klassischen Geniesser-Spirituosen wie Whisky oder Rum nicht mehr verstecken. Zurecht, wie wir finden. Kaum eine andere Spirituose ist so vielschichtig und abwechslungsreich. Anstatt Purismus und Reinheit wie beim Whisky, regiert beim Gin Einfallsreichtum, Kreativität und hin und wieder Ausgefallenheit. Wacholder bleibt zwar unverzichtbarer Bestandteil, weiteren Kombinationen sind aber kaum Grenzen gesetzt. Gin mit Gurke drin? Längst Mainstream!

 „Um ehrlich zu sein, könnten wir wahrscheinlich schon viel grösser sein.“

 Da sind „handgepflückte Tannenspitzen aus Zürich“ schon was Exotischeres. Oder „Voatsiperifery Pfeffer aus Madagaskar“. Den kaufe Merlins Vater, der dort lebt, beim einzigen Produzenten und schicke ihn dann in die Schweiz, erzählt mir Oli, als er mir die Tour durch Brennstube und Abfüllung im Keller gibt. Fein säuberlich sind die Botanicals, so der Name der dem Alkohol beigemischten Gewürze und Pflanzen – Lindenblüten, Hagebutten, Süssholz etc. – verstaut. Zumindest neun der zwölf, die dem Turicum seinen charakteristischen Geschmack verleihen. „Unsere Geheimzutat, Botanical Nr. 3, befindet sich zwar auch hier, ist aber versteckt“, schmunzelt Oli. Die Zitronen und Orangen hole er jeweils frisch beim Markt gleich die Strasse runter.

Der Ausdruck „hand crafted“, handgemacht, steht mittlerweile auf allem drauf, das sich mit Qualität brüstet. Bei Turicum Gin nimmt man die Sache wortwörtlich, vom Brennen, übers Verpacken bis hin zur Auslieferung. „Das gibt eine gewisse Nähe. So bleiben wir in Kontakt mit den Kunden und Barkeepern“, erklärt Osci. Doch stösst man da nicht irgendwann an die Kapazitätsgrenze? „Um ehrlich zu sein, könnten wir wahrscheinlich schon viel grösser sein. Wir haben uns aber bewusst für ein langsames, aber stetiges Wachstum entschieden. Wir wurden auch schon von einem der zwei Schweizer Detailhandels-Riesen angefragt, haben bisher aber abgelehnt.“ Die Stossrichtung ist klar: Turicum Gin soll lieber in den Backboards angesagter Bars stehen, anstatt in Supermarktregalen. Qualität statt Quantität. Exklusivität und Konzentration aufs Wesentliche.

 „Im Gegensatz zu Whisky ist Gin kein reines Männerprodukt“

 Exklusivität sei auch der Grund, warum man die Produktepalette bisher kaum erweitert habe, meint Osci. Bisher, weil mit der Turicum Gin Man's World Limited Edition Nr. 2 dieser Tage ein taufrisches, neues Produkt auf den Markt gebracht wurde. Osci nimmt eine nackte Glasflasche mit einer golden schimmernden Flüssigkeit aus dem Regal: „Der erste Gin, den wir exklusiv für die Man's World produziert hatten, unterschied sich nur in Details vom regulären Turicum. Dieses Mal aber haben wir eine neue Rezeptur verwendet und das Ganze dann mit französischen Limousin-Eichen Chips mehrere Wochen gelagert“, und fügt, während er ein Gläschen einschenkt, hinzu: „Das sieht man nicht nur, das schmeckt man auch.“ Die Holznote findet sich schon im Geruch, kommt aber erst auf der Zunge zur richtigen Geltung.

Keine Frage: Turicum Gin Man's World Limited Edition Nr. 2, mit passendem, aus Holz gefertigtem Etikett auf schwarzer Flasche, ist das perfekte Männergeschenk. Doch wie steht es um die Frauen? „Im Gegensatz zu Whisky ist Gin kein reines Männerprodukt“, sagt Osci, verrät aber auch: „Für den Frühling planen wir den Release eines weiteren Produkts. Was genau, das bleibt noch geheim. Nur so viel: Es wird ein echter Ladykiller.“

Als ich mich verabschiede, drückt mir Osci noch ein Plastikpäckchen in die Hand, das „Turicum Gin Cocktail Quartett“. 30 Cocktail-Rezepte mit Turicum drin. „Dort drin findest du auch unseren Signature Drink, den Züri Mule“, meint Osci, „An einem Pop-up Event haben wir letztens Hektoliter davon verkauft. Musst du unbedingt mal probieren.“

Als ich aus dem Haus wieder zurück in die Albisrieder Idylle trete, wischt der Nachbar immer noch Laub. Urbanität und Ländlichkeit. Trendsetting und Tradition. Genuss und Business. Tannspitzen aus dem heimischen Wald und Pfeffer aus Madagaskar. Kein Wunder, setzt auch Zürich Tourismus auf Turicum Gin.

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