Macher an der Man's World

Flaschen voller Geschichten

Foto von Sandro Bäbler

Ein Samstagmittag im vergangenen Dezember: In einem schicken Restaurant feiern wir den Geburtstag meiner Grossmutter, 77 Jahre wird sie alt. Wein darf dazu natürlich nicht fehlen. Doch wenn ich ehrlich sein soll: Wir sind eine Arbeiterfamilie. Keine und keiner von uns hat wirklich Ahnung von Wein.

Zugeben will das aber niemand, am wenigsten mein Vater. Lang und ausführlich studiert er die Weinkarte. Nach was er schaut, nach welchen Kriterien er abwägt – wahrscheinlich spielt der Preis keine unwesentliche Rolle – weiss niemand, doch ist er das Familienoberhaupt, also ist die Wahl des Weines seine Aufgabe. Als die Bedienung dann die Flasche bringt, zum Probieren einschenkt, schwenkt er das Glas, nimmt einen Schluck, nickt. Meine Schwester und ich kichern. Wir wissen beide ganz genau, dass er nur so tut, als ob.

„Wein besteht aus viel mehr als nur aus Trauben“

Doch wenn wir ehrlich sind: Wir waren alle schon mal in dieser Situation. Viele von uns sassen schon mal an einem Restauranttisch oder standen vor den unüberschaubaren Regalen der Weinabteilung und dachten uns: Eigentlich habe ich keinen Plan. Wir wissen zwar, dass wir Rioja gerne trinken und ein Pinot Noir immer ganz gut ankommt und vielleicht wissen wir sogar, dass es sich beim ersten um ein Anbaugebiet handelt und beim zweiten um eine Weinsorte, doch dann kommen wir sehr schnell an unsere Grenzen. Und tun trotzdem so, als hätten wir alles im Griff. Weil wer was von Wein versteht, der versteht was vom Leben.

Dabei sei es eigentlich ganz normal, dass einen die Welt des Weins zuerst mal überfordere, meint Philipp Bremer. Und der Mann muss es wissen. Er arbeitet für Smith & Smith, einen der angesagtesten Weinhändler Zürichs Er ist dabei vor allem für Marketing und Events zuständig. „Die Weinwelt ist riesig und unübersichtlich. Trauben sind da nur einer von vielen Faktoren. Es geht um die Sorte, um Regionen, um die Art und Weise des Anbaus, und um die Geschichte dahinter.“  Dort etwas Ordnung und Übersicht zu vermitteln, das sei mitunter die Aufgabe eines Weinhändlers wie Smith & Smith.

Der Weinhändler als Reiseführer sozusagen. Doch auch Bremer musste sich diese Skills erst erarbeiten: „Ich bin ja Quereinsteiger, komme ursprünglich aus der Gastronomie. Als ich hier anfing, war meine erste Aufgabe: Erst einmal in die Obstabteilung und an Früchten riechen.“ Wein, so Bremer, sei in erster Linie ein Erlebnis, ein Geschmackserlebnis. Dafür müsse man zu allererst seine Sinne schärfen. Wieder lernen, was es bedeutet, Geruch und Geschmack sinnlich wahrzunehmen. Alles andere wie Sorten oder Anbauregionen komme danach, so Bremer.

Ist es wirklich so einfach? Richtig glauben kann ich das nicht. All die Fachausdrücke, die unzähligen Publikationen und Preise, die alten Herren, die in der Weinabteilung die Augen zusammenkneifen, um das Etikett zu mustern – alles nur Aufschneiderei? „Natürlich nicht“, entgegnet mir Bremer, „Ein Etikett mit seinen Informationen drauf kann ein guter Wegweiser sein, wenn man ein bisschen Ahnung hat. Dafür muss man aber zuerst wissen, was man selber eigentlich mag. Es bringt ja nichts, einen gefeierten Wein zu trinken, nur, weil er gefeiert wird.“ Ob er, der Experte, selber schon solche Erfahrungen gemacht habe, will ich wissen. „Österreichische Weine, auch wenn sie qualitativ hochwertig sind, die sind nicht meins“, meint er, „Spanische und italienische Tropfen liegen mir da eher.“

„Die Leute wissen oft gar nicht, was sie überhaupt wollen.“

Wer also mehr über Wein erfahren will, der muss vor allem Wein trinken! So setzen Smith & Smith auch an der Man's World vor allem auf den Probier-Faktor. Eine Bar als Messestand, dazu zwei Degustationstische, thematisch kurartiert. „Am einen Tisch wird vermutlich 'Natural Wine' im Fokus stehen, also Weine, die nicht zusätzlich mit Aromen oder anderen Dingen verfeinert oder geschönt werden“, erklärt Bremer, „Über das andere Thema diskutieren wir noch.“

Auch in ihrem Laden an der Zürcher Grubenstrasse, den man sich mit dem Fleisch- und Delikatessen-Händler Luma D.A.C. teilt, öffnet man für Kunden gerne eine Flasche zum Probieren. Dabei seien dem Degustieren auch Grenzen gesetzt. Bremer hat die Erfahrung gemacht: „Die Leute wissen oft gar nicht, was sie überhaupt wollen oder scheuen sich sogar davor, Neues zu probieren. Da macht es keinen Sinn 100 Flaschen zu öffnen.“

„Eigentlich sollte sowieso die Frau den Wein probieren.“

 Smith & Smiths Mittel, Überforderung und Scheu zu überwinden: ein Wein-Abo. Wer eines löst, erhält im Dreimonatsrhythmus ein Überraschungspaket à sechs Flaschen verschiedener Preisklassen und Stile zugeschickt und kann sich so die Qual der Wahl ersparen. Zudem sollen in Zukunft Einsteigerkurse die bereits bestehenden Event-Angebote wie Master Classes zu spezifischen Weinen ergänzen. Letztere würden in erster Linie nämlich schon von Kennern besucht, wie Bremer freimütig zugibt.

Natürlich denke ich während Bremers Ausführungen an meinen Vater. Ironischerweise haben meine Schwester und ich ihm zu Weihnachten kein Wein-Abo, sondern ein Bier-Abo geschenkt. Als ich Bremer die Situation im Restaurant schildere, lacht er: „Eigentlich sollte sowieso die Frau den Wein probieren. Wissenschaftlich gesehen haben Frauen die besseren Geschmacksnerven als Männer.“